Daniel Eggli in der clinIT AG

Daniel Eggli
Große Leute
Laudatio: Max Horneck
Herbstevent der clinIT AG, 16.10.2009

Da waren sie: die großen Leute. Kaum dass ich das erste Bild von ihnen gesehen hatte, habe ich mich in diese Figuren verliebt. Ich sollte jetzt etwas von Daniel Eggli erzählen, davon, dass die Leute Abschlussarbeit waren an der Kunstakademie in Zürich, davon, dass Daniel Eggli eigentlich einen Almauftrieb hat modellieren wollen und so weiter und so fort –
doch ich mag nicht.

Denn die Dynamik dieser Leute hat mich in ihren Bann gezogen. Das erste Mal sah ich sie im Zeitungsphoto und habe sofort meine Frau darauf angesetzt: Die müssen wir haben für unseren Herbstevent, damals noch gar nicht so recht ahnend wie eindrucksvoll diese Leute sich selbst darstellen.

Dann war es schließlich soweit: in Kirchzarten, in der ehemaligen Kirche, in der der Kunstverein seine Heimat gefunden hat, standen sie – abmarschbereit als die Türe sich öffnete und wollten sofort los – drängend, dynamisch, eifrig und so selbstbewusst. Festgehalten in der Bewegung, wie eingefroren und dennoch so agil, als wäre der Betrachter der unnormale, derjenige, der sich in der Zeit verliert.
Und dann wurde es ernst. Aus der Masse wurden diejenigen ausgewählt, die mitdurften, und als ich sie zum Auto brachte, konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, sie zappelten, wenn ich sie anfasste – meist unsanft am Kopf – und den kurzen Weg bis zum Rücksitz meines Wagens trug.
Ganz, ganz gewiss war ich mir jedoch als ich die Wagentüren schloss, dass sie mit dem Platz auf dem Rücksitz nicht einverstanden waren. Jede Lenkbewegung, jede Berührung des Gaspedals und der Bremse kommentieren sie tuschelnd und missbilligend von den hinteren Sitzen aus. Am ersten Kreisel beugte sich ein grauer Herr über meine Schulter und ich merkte, wie er mir auf den Tachometer blickte: Er – und alle anderen dahinten – hätten sanfter, eleganter, sicherer auf jeden Fall besser dieses Fahrzeug bewegt.
Und sie hielten nicht still: misslauniges Rascheln und Klappern zu jeder meiner Handlungen und dann, in der ersten stärkeren Kurve öffnete die rote Dame hinter mir das Fenster. Mein Erschrecken mag man sich vorstellen, von vorne ließ ich es wieder hochfahren. Doch in der nächsten Kurve hat der Mann in Schwarz mein rechtes hinteres Fenster geöffnet und jedesmal wenn ich es schloss unerbittlich wieder auf den Knopf zum öffnen gedrückt. Bis ich durchgriff und mit der Kindersicherung dem Treiben ein Ende setzte.
Und da war sie wieder die Einordnung: Die wichtigen Leute – reduziert und kontrolliert mit einer Kindersicherung. Ein Gedanke, der seinen Reiz bekommt, wenn man ihn weiterdenkt.
Denn immer wieder erinnern mich die Leute an die altbekannten grauen Herren, die geheimnisvoll, mythisch und dunkel Momos Welt durcheinander brachten, und nur die kindliche Momo versteht die Bedrohung nicht. Egglis graue Herren aber sind reduziert, in Kleinkinderdimensionen übertragen. Vor ihnen gruselt man sich nicht. Die machen keine bösen Träume.
Grosse Leute, Daniel Eggli

So öffnen sie unsere Augen, ein Spiegel uns selbst vorgehalten, wenn wir eilig zwischen zwei Meetings über den Gehweg eilen, unser Telefon wie ein Amulett an Ohren, Herzen, Hintern haltend.

In ihrer Gegenwart erinnerte ich mich an das erste Mal. An das erste Mal, als ich jemanden in der Öffentlichkeit mit einer Freisprecheinrichtung telefonieren sah. Damals war ich kurz davor, den psychiatrischen Dienst zu alarmieren, heute können wir uns selbst so wieder sehen, wenn wir uns nachts im Fenster eines Flughafens spiegeln.
Und das ist für mich ein Aspekt von Kunst: – Augen öffnen, uns zum innehalten anregen, zum nachdenken. Bei Daniel Egglis großen Leuten ist es so, da tun wir das mit einem Lächeln, für einen Moment wieder Kind und einen Moment in der Lage, uns selbst im Spiegel zu sehen. Zu sehen wie wir wirklich aussehen.

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