Der Silberlöffel

Im grauen Licht des frühen Wintermorgens raschelt es unter seinem vorsichtigen Schritt. Er beugt sich und findet einen silbernen Löffel mit geprägtem Griff, den er vorsichtig unter dem Schutt hervorzieht und mit sich nimmt. Langsam steigt er die Treppe hinab, den Pfad zwischen herabgefallenen Teilen des Dachs und dem fehlenden Treppengeländer suchend. Oben ziehen Wolken vorbei und leichter Schneegriesel fällt durch das offene Dach. Am Treppenabsatz angekommen sieht er zwei Kriegsgefangene Schutt vor der Tür schaufeln, bewacht von einem lässig im Türeingang lehnenden russischen Offizier und einer junger Kommissarin. Als er auf die Tür zugeht, langsam, unauffällig, fällt ihm der unachtsam in der Hand gehaltene Löffel mit unnatürlich lautem Klimpern zu Boden. Der Offizier fährt herum und richtet den Lauf der Waffe auf ihn. Sein „Halt“ lässt ihn in der Bewegung erstarren.

Der Offizier blickt auf den Löffel und sieht in forschend an, winkt ihm mit der Waffe näher zu treten. „Woher“ fragt er? Der Mann bedeutet, er wohne hier – und der Offizier sieht hinauf in die Höhe der Ruine und nickt. „Hast du mehr?“ fragend zeigt er auf den Löffel der vor seinen Füßen liegt. Der Mann schüttelt den Kopf das graue Gesicht kaum bewegend.

Die Kommissarin legt eine Hand auf Ihre Pistole, schiebt den Offizier beiseite, nickt auf die leerstehende Wohnung im Erdgeschoss: „ich verhöre ihn!“ und der Mann geht in die leere Wohnung, durch deren zerschossene Fenster der kalte Wind pfeift.

Sie zieht einen Stuhl heran und sagt mit einem seltsam guten – fast akzentfreien – Deutsch „das wird jetzt eine Weile dauern“, setzt sich und fährt fort „Du stehst und zieh den Mantel aus!“. Ohne Widerstand legt der Mann den Mantel über den Arm, im dünnen Hemd überfällt ihn die Kälte sofort.

„Also“ fragt die Kommissarin „hast du Geld?“. Der Mann sieht sie an: „Sehe ich aus, wie jemand der Geld hat?“ Er spricht langsam und seine Worte mit Bedacht wählend, man hat gelernt, vorsichtig zu sein mit der Besatzungsmacht. Er fährt fort „Würde ich hier in meinem besten Mantel stehen, an einem Werktag wie diesem, wenn ich die Wahl hätte?“

„Was bist Du gewesen?“ fragt die Kommissarin, „Vorher?“ Langsam antwortet der Mann „ich habe Deutsch studiert“ – keine komplizierten Antworten, keine Berufe, die sie nicht kennt – „ich war Deutschlehrer, vorher – als alles noch gut war“. Und dann – als die Kommissarin nichts sagt ihn nur ansieht – fährt er fort: „Damals als wir glaubten, die Welt besser zu machen und als wir glaubten, Deutschland wäre ein besserer Ort als so viele“.

Die Kommissarin schweigt, sieht ihn an, er friert und wie die Kälte in ihn kriecht, bilden sich die Worte, er steht in der Kälte und spricht langsam zunächst… dann immer schneller „ Wir haben geglaubt es wäre gut, wie es ist. Als die Flüchtlinge kamen – wir dachten, wir haben die Banken gerettet, wir haben ganze Länder gerettet, jetzt können wir zeigen, dass wir gelernt haben, dass Menschen wichtiger sind als alles andere. Mit dem Geld, das wir für eine einzige Bank verwendet hatten, hätten wir alles richten können. So groß war die Möglichkeit, der Welt zu zeigen, Deutschland ist ein guter Ort und wir Deutschen haben gelernt.

Die schlimme Zeit war so lange vorbei – das war doch die Schuld und das waren die Gedanken der Groß- und Urgroßeltern. Als die ersten Sprüche kamen, die so klangen, wie damals siebzig Jahre früher, da haben wir Witze gemacht – und haben geglaubt, mit Liedern und schönen Worten könnte man sie in die Schranken weisen. Doch dann brannten Häuser – wie damals. Dann wurden Leute auf offener Straße geschlagen – wie damals. Dann marschierten sie auf den Straßen und die Politiker zeigten Verständnis, und verschwanden – wie damals. Und wer auf das Leid hinwies wurde als Verräter als Schädling als Lügner hingestellt. Und als sie die Grenzen schlossen – da jubelten sie auf den Straßen und die Gruppen in den schwarzen Lederjacken zogen durch die Städte und keiner sagte etwas anderes.“

Noch immer schweigt die Kommissarin – keine neue Geschichte – und die Lippen des Mannes werden blau, der Körper zittert im Frost. Der Mann fährt fort: „Als sie die Grenzen schlossen, dann kam die Mark wieder, die gute deutsche Mark. Was wurde das gefeiert! Im ganzen Land gab es Freudenfeuer auf den Festplätzen. Und wenn auch viele noch sagten, dass mit den erfrorenen Flüchtlingen wäre schäbig gewesen, aber das mit der D-Mark, das haben sie gut gemacht.

Zuerst war es das Benzin, das immer billiger wurde. Doch dann kamen die Südfrüchte und die Bananen und alle Lebensmittel, die wurden immer teurer. Als die Arbeitslosenzahlen stiegen, hieß es noch, so ein Glück, dass wir keine Flüchtlinge mehr haben – da wollte längst keiner mehr kommen. Als dann zuletzt sogar VW zu machte und die Bänder abmontiert und nach China verkauft wurden, wurde uns allen klar – die fetten Jahre waren vorbei.“ Der Mann hält inne, die Kommissarin schweigt, und er fährt fort: „Dann wurden Schuldige gesucht, und gefunden. Und die Grenzen, die ihnen so wichtig waren, mit den Zäunen und den Grenzsoldaten, die waren dann die falschen. Dann ging es wieder los, und wieder waren wir es! Und jetzt stehe ich hier. Niemand wird dieses Land jemals wieder aufbauen – und wir frieren, hungern, und ich schäme mich, einer von uns zu sein!“

Die Kommissarin sieht die Tränen des Mannes, und während sie aus der Türöffnung zurück zum Offizier geht, sagt sie: „Behalten Sie Ihren Löffel.“

8.11.2015

 

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Daniel Eggli in der clinIT AG

Daniel Eggli
Große Leute
Laudatio: Max Horneck
Herbstevent der clinIT AG, 16.10.2009

Da waren sie: die großen Leute. Kaum dass ich das erste Bild von ihnen gesehen hatte, habe ich mich in diese Figuren verliebt. Ich sollte jetzt etwas von Daniel Eggli erzählen, davon, dass die Leute Abschlussarbeit waren an der Kunstakademie in Zürich, davon, dass Daniel Eggli eigentlich einen Almauftrieb hat modellieren wollen und so weiter und so fort –
doch ich mag nicht.

Denn die Dynamik dieser Leute hat mich in ihren Bann gezogen. Das erste Mal sah ich sie im Zeitungsphoto und habe sofort meine Frau darauf angesetzt: Die müssen wir haben für unseren Herbstevent, damals noch gar nicht so recht ahnend wie eindrucksvoll diese Leute sich selbst darstellen.

Dann war es schließlich soweit: in Kirchzarten, in der ehemaligen Kirche, in der der Kunstverein seine Heimat gefunden hat, standen sie – abmarschbereit als die Türe sich öffnete und wollten sofort los – drängend, dynamisch, eifrig und so selbstbewusst. Festgehalten in der Bewegung, wie eingefroren und dennoch so agil, als wäre der Betrachter der unnormale, derjenige, der sich in der Zeit verliert.
Und dann wurde es ernst. Aus der Masse wurden diejenigen ausgewählt, die mitdurften, und als ich sie zum Auto brachte, konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, sie zappelten, wenn ich sie anfasste – meist unsanft am Kopf – und den kurzen Weg bis zum Rücksitz meines Wagens trug.
Ganz, ganz gewiss war ich mir jedoch als ich die Wagentüren schloss, dass sie mit dem Platz auf dem Rücksitz nicht einverstanden waren. Jede Lenkbewegung, jede Berührung des Gaspedals und der Bremse kommentieren sie tuschelnd und missbilligend von den hinteren Sitzen aus. Am ersten Kreisel beugte sich ein grauer Herr über meine Schulter und ich merkte, wie er mir auf den Tachometer blickte: Er – und alle anderen dahinten – hätten sanfter, eleganter, sicherer auf jeden Fall besser dieses Fahrzeug bewegt.
Und sie hielten nicht still: misslauniges Rascheln und Klappern zu jeder meiner Handlungen und dann, in der ersten stärkeren Kurve öffnete die rote Dame hinter mir das Fenster. Mein Erschrecken mag man sich vorstellen, von vorne ließ ich es wieder hochfahren. Doch in der nächsten Kurve hat der Mann in Schwarz mein rechtes hinteres Fenster geöffnet und jedesmal wenn ich es schloss unerbittlich wieder auf den Knopf zum öffnen gedrückt. Bis ich durchgriff und mit der Kindersicherung dem Treiben ein Ende setzte.
Und da war sie wieder die Einordnung: Die wichtigen Leute – reduziert und kontrolliert mit einer Kindersicherung. Ein Gedanke, der seinen Reiz bekommt, wenn man ihn weiterdenkt.
Denn immer wieder erinnern mich die Leute an die altbekannten grauen Herren, die geheimnisvoll, mythisch und dunkel Momos Welt durcheinander brachten, und nur die kindliche Momo versteht die Bedrohung nicht. Egglis graue Herren aber sind reduziert, in Kleinkinderdimensionen übertragen. Vor ihnen gruselt man sich nicht. Die machen keine bösen Träume.
Grosse Leute, Daniel Eggli

So öffnen sie unsere Augen, ein Spiegel uns selbst vorgehalten, wenn wir eilig zwischen zwei Meetings über den Gehweg eilen, unser Telefon wie ein Amulett an Ohren, Herzen, Hintern haltend.

In ihrer Gegenwart erinnerte ich mich an das erste Mal. An das erste Mal, als ich jemanden in der Öffentlichkeit mit einer Freisprecheinrichtung telefonieren sah. Damals war ich kurz davor, den psychiatrischen Dienst zu alarmieren, heute können wir uns selbst so wieder sehen, wenn wir uns nachts im Fenster eines Flughafens spiegeln.
Und das ist für mich ein Aspekt von Kunst: – Augen öffnen, uns zum innehalten anregen, zum nachdenken. Bei Daniel Egglis großen Leuten ist es so, da tun wir das mit einem Lächeln, für einen Moment wieder Kind und einen Moment in der Lage, uns selbst im Spiegel zu sehen. Zu sehen wie wir wirklich aussehen.

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